Interview mit Rico Wendrock

Foto: Rico Wendrock
Rico Wendrock, sein Motto: „Fotografieren heißt sehen lernen.“

fotoforum: Glück auf Rico. Schön, dass ich Dich und Deine zwei Katzen zu Hause besuchen darf. Danke für den leckeren Tee. Wie lange fotografierst Du schon?

Rico Wendrock: Wenn ich die Urlaubsbilder nicht mitzähle, obwohl ich da auch schon eine analoge Spiegelreflexkamera hatte und versucht habe, das ordentlich zu machen, dann war ich wohl so 14 oder 15 Jahre. Die Besonderheit bei mir war damals, dass ich die Bilder selber entwickelt habe.
Mein Onkel hatte einen Vergrößerungsapparat, den haben wir auf dem (Ober-)Boden gefunden und fragten uns, was das sein soll. So ging das los, wobei das sehr mühselig war. Allerdings nur schwarz-weiß. Bei bunt war der Aufwand zu groß, mit Temperaturregelung und so weiter.

Richtig angefangen habe ich die Fotografie wegen meines Wetterberichts. Ich wollte das ein wenig anschaulich machen und das heißt natürlich: Fotos. Bei mir spielt Wintersport, Langlauf, eine große Rolle. Und wenn man sich für`s Wetter und für Wintersport interessiert, ist es naheliegend, die Welt teilhaben zu lassen. Wenn jemand fragt: „Wie sieht es denn aus mit „Schneeschuhfahrn““, dann habe ich aktuelle Bilder auf meine Wetterseite eingestellt. Der Winter ist da mein Schwerpunkt.
Und dann kam bei mir der kleine Naturwissenschaftler durch. Wetterdaten sind das eine, aber die Frage: „Wie weit ist die Natur?“ ist das andere. Ist das wirklich so mit dem Klimawandel, wie alle immer reden? Wann beginnt die Apfelblüte, die Kirschblüte, wann treiben die Blätter aus, …? Der ganze Jahreslauf spielt eine Rolle. Und das dokumentiere ich unter anderem mit Fotos.
Irgendwann sprengten die Fotos dann eine normale Wetterseite im Internet. Und so habe ich seit 2011 / 2012 die Internetseite erzgebirgsfotos.de neben meiner erzgebirgswetter.de, und dort habe ich richtig viel Platz für die großen Mengen an Fotos.

In welchem Umkreis bist Du dafür unterwegs?

So im Umkreis von ca. 5 Kilometer. Aber ich fahre auch mal weiter weg, um den Vergleich zu haben. Ich dokumentiere, auch mit Fotos, aber nur hier im Umkreis. Das macht so ca. 90% meiner Fotos aus. Die gleiche Lokalität zu allen Jahreszeiten. Das ist für mich Erholung. Ich nehme immer meinen Fotoapparat mit – irgendetwas zu fotografieren gibt es immer.

Nimmst Du Dir da richtig viel Zeit mit, um z.B. Tiere zu beobachten?

Nein. Meine Tieraufnahmen sind immer Zufall. Wenn ich mit meinem Tele und dem Einbeinstativ losziehe, dann sehe ich sowieso keine Tiere und wenn ich das Weitwinkel drauf habe, dann … Naja, wie das eben so ist.

Fotopause im Hochmoor, Foto: Rico Wendrock

Hast du einen Lieblings-Foto-Platz?

Ich habe meine Runden, die ich oft gehe. Dabei ist allerdings immer etwas anderes fotogen. Mal ein Nebel, ein Regenbogen, ein Ast oder etwas anderes. Meistens bin ich abends unterwegs, nach der Arbeit. Ich bin keiner, der Fotoausflüge macht, um bestimmte Sehenswürdigkeiten abzulichten. Bei mir sind es mehr die Ski- oder Fahrradtouren, bei denen ich den Fotoapparat immer dabei habe. Aber natürlich gibt es auch bestimmte Plätze, die solch einem Lieblings-Foto-Platz ziemlich nahe kommen, z.B. das Hormersdorfer Hochmoor, der Huthübel oder der Christelgrund.

Welche Motive hast Du am liebsten?

Naja, Landschaften fotografiere ich auch, aber da bin ich, da ich mich nicht wegbewege, sehr eingeschränkt. Daher sind es mehr Kleinigkeiten, die ich entdecke: komisch geformte Bäume, Pflanzen und Ähnliches. Die nehme ich immer wieder auf, da die Motive jedes Mal verändert aussehen.

Ich habe gedacht, jetzt kommt wie aus der Pistole geschossen: „Das Universum“ oder „die Sterne“

Nein, nein. Das ist eine komplett andere Sache. Meine „normalen“ Fotos und deren Entstehung sind für mich wie Meditation und Entspannung; Astrofotografie aber ist harte Arbeit. Denn bei der Astrofotografie geht man nicht einfach raus und macht was. Das geht maximal noch bei der Milchstraße, da brauche ich im Prinzip nur ein Stativ. Aber für alles andere brauche ich etwa 1 bis 2 Stunden, um alles (Stativ, Fernrohr, zwei Kameras, Computer) aufzubauen. Da gibt es ja im Jahr auch nur vier, fünf Nächte, in denen es überhaupt geht. Um Galaxien zu fotografieren, muss es z.B. richtig finster sein. Das heißt, im Sommer geht es nicht. Von Anfang Juni bis Anfang August wird es nie richtig finster, da geht es gar nicht. Im Winter geht auch nicht, da man von Ortschaften weit entfernt sein muss, was durch den Schnee schwierig ist. Ich muss ja hinfahren können, die Ausrüstung ist viel zu groß und zu schwer, um sie kilometerweit ins Dunkel zu tragen. So bleiben nur das Frühjahr und der Herbst. Da darf aber kein Mond scheinen, es muss klarer Himmel sein und es darf kein Wind gehen. Dass das alles zusammentrifft, ist äußerst selten.

Wieso darf kein Wind gehen?

Da aufgrund der Brennweite und der Größe der meisten Galaxien, der kleinste Windhauch das Bild verwackelt.

Spielt die Lichtverschmutzung auch eine Rolle?

Das ist eigentlich das größte Problem. Dafür habe ich ein Messgerät. Und es gibt vom Weltraum aus fotografierte Karten, die die Lichtverschmutzung zeigen. Sachsen ist dabei ganz schlecht.
Bei sehr tiefstehenden Objekten braucht man idealerweise einen freien Südhorizont. Da ist oft der Erzgebirgskamm oft etwas im Weg. Zum Glück stört Chemnitz mit seiner sehr starken Lichtverschmutzung kaum, da es von mir aus im Norden liegt. Wenn man hingegen von Gornsdorf aus Richtung Westen fotografiert, macht sich bereits wieder die Licht- und Dunstglocke vom Großraum Zwickau störend bemerkbar.
In Rübenau dachte ich, sieht es gut aus, dort stört aber schon wieder Chomutov.
Wenn ich im Zenit fotografiere, ist es relativ egal, da man da durch viel weniger Luft hindurch fotografiert als im flachen Winkel. Aber die Lichtverschmutzung ist ein generelles Problem.

Bei der Astrofotografie braucht man eine sogenannte Nachführung. Was ist das?

Durch die Erdrotation und das lange Belichten werden Sterne im Normalfall nur Striche. Das verhindert man durch die Nachführung: Die Drehachse der Nachführung wird auf den Himmelsnordpol ausgerichtet. Durch einen langsamen Motor bewegt sich der Fotoapparat dann die 15° in der Stunde, wie die Erde sich dreht. Dadurch wandert der Stern nicht fort und wird zum Strich, sondern bleibt ein Punkt. Die große Schwierigkeit dabei ist, den Himmelsnordpol exakt zu erwischen. Dafür gibt es ein Zielfernrohr mit speziellen Markierungen zum Einrichten. Der Polarstern ist erst einmal ein grober Anhaltspunkt. Man muss dann aber auf einen fiktiven Punkt knapp daneben ausrichten. Wohin genau, das hängt von der Jahreszeit und der Uhrzeit ab. Das Ausrichten kann sehr mühselig sein, denn so bald z.B. ein Stativbein durch die Beladung mit der Fototechnik etwas einsinkt, muss man wieder nachkorrigieren.

Orionnebel, Foto: Rico Wendrock

Zu welchen Zeiten bist Du da so unterwegs?

Naja, wenn die Bedingungen da sind, muss man losmachen. Egal, wie geschafft ich von der Arbeit bin, oder andere Sachen dagegen sprechen. Sonst dauert es Wochen, bis die Bedingungen wieder günstig sind. Bei Kometen ist es z.B. so, dass ich durchaus auch gegen 3 Uhr in der Nacht den Wecker stelle und dann losmache. Anders geht es nicht.

Welche Ausrüstung hast Du?

Ha, ich habe viel zu viel. Das Problem ist, das ich durch die Astrofotografie, was ja ziemlich speziell ist, einfach probieren muss. Da habe ich im Laufe der Zeit viele Systeme durchprobiert. Dabei kommt es auf Sachen an, die stehen in keiner Spezifikation. Z.B. brauche ich Kameras mit sehr geringem Rauschen. Ich habe festgestellt, Fuji und Sony sind gut, Canon auch. Canon hat aber den Nachteil, dass die Kameras einen starken Infrarotfilter haben. Dadurch werden bei den roten Gasnebeln die wichtigsten Teile weggefiltert. Das weiß man aber vorher nicht.
Ich habe mit Canon angefangen, mit einer einfachen D 1000. Dann habe ich von Canon die besseren ausprobiert, auch Vollformat, die habe ich aber komischerweise am wenigsten genommen. Die war sehr groß und die Ergebnisse haben mich nicht begeistert. Man braucht entsprechende Objektive … Wenn ich dann einen Waldspaziergang mache, ist die Fotografie plötzlich Hauptzweck, schon allein durch die Masse, die man bei einer Vollformat und zwei, drei Objektiven mit sich herumträgt. Und für die Astrofotografie war sie zu schwer für meine Nachführung.
Dadurch habe ich leichtere Sachen gesucht und bin auf die MFT-Kameras gekommen. Die Sensoren sind ein wenig kleiner als die von APS-C-Kameras und haben einen Cropfaktor von 2. Dadurch bin ich zu Olympus gekommen, die haben 2012 qualitativ einen großen Sprung gemacht. Damit war ich dann richtig zufrieden.
Inzwischen habe ich auch Panasonic ausprobiert, die haben sich dann aber mehr auf Video konzentriert, so dass ich bei Olympus geblieben bin.
Hinzugekommen ist allerdings noch Fuji. Fujikameras haben ein sehr gutes Rauschverhalten – und das ist ja das, was mich interessiert. Und Fuji hat, genau wie Olympus, diesen Filter, der den Infrarotbereich wegschneidet, ganz weit unten. Aber auch diese Erkenntnis ist Zufall, das wusste ich vorher nicht.

Nenn mal bitte ein Zahl: Wie viele Kameras, wie viele Objektive?

Einige Kameras habe ich wieder verkauft oder verschenkt. Da habe ich z.Zt. sechs oder sieben und Objektive wohl 20.

Hast Du Dich schon an Ausstellungen beteiligt?

Die in Olbernhau war meine Erste. Daher hat mir die Idee auch so gut gefallen.
Sonst präsentiere ich meine Fotos im Internet. Dort gibt es auch die Möglichkeit zu bewerten; und ich sehe, welche Fotos am häufigsten angeguckt werden. Interessant ist die absolute Subjektivität, die Geschmäcker sind sehr verschieden. Oftmals sind Bilder besonders gut bewertet, die ich nicht so bewerten würde und umgekehrt.

Wie hältst du es mit der Bearbeitung?

Es gibt kein Bild, was ich nicht bearbeite. Und sei es ein Geraderücken oder das Freistellen (Ausschneiden). Effekte versuche ich meistens zu vermeiden. Filter und Ähnliches benutze ich nicht. Mir geht es um technische Verbesserungen. Obwohl, mal einen Ast wegstempeln oder ein Stoppschild – so etwas mache ich schon auch. Aber meistens nehme ich etwa ausgefressene Lichter zurück (soweit es noch geht), oder hebe zu tiefe Schatten an. Manchmal ist es der Weißabgleich … Dinge, bei denen man sagt, das Bild gewinnt, wird wieder so, wie es im Original war. Aber das heißt, man muss eigentlich immer was machen. Es ist eigentlich am Rechner nie so, wie die Stimmung in der Natur war.

Welche Software benutzt Du dabei?

Ich arbeite generell nur unter Linux. Als Software habe ich Gimp, das kostenlose Photoshop. Das ist allerdings schon ein wenig überholt, da es immer noch keine 16-Bit-Verarbeitung hat. Ich nutze es jedoch selten, da ich fast alles mit einem RAW-Konverter mache. Da gibt es für Linux drei, vier richtig Gute, mit dem Funktionsumfang von Lightroom. Ich nutze Darktable. Damit kann man alles machen.

Wie viele Bilder hast Du und wie sicherst Du Deine Datenmengen?

Tja, welche zählen dazu? Ich habe da ein spezielles System. Wenn ich mit der Kamera draußen bin, sortiere ich unterwegs schon ein paar aus. Auf der nächsten Stufe schließe ich den Fotoapparat an den Fernseher an. Das ist ein schöner Zwischenschritt. Dort ist die Auflösung gut genug, um weitere Bilder aussortieren zu können. Auf dem Computer kommt der Rest in einen Bildeingangsordner. Den sehe ich mir daraufhin in Ruhe an und entnehme von dort die Bilder, die ich mit dem RAW-Konverter entwickle. Und das sind die, die ich zähle. Die im Eingang bleiben nehme ich mir zwar nach gewisser Zeit noch einmal vor – aber meistens bleibt es dabei: Das sind Bilder, die man nie wieder nimmt.
Nach dieser Zählart habe ich so zwischen 10.000 und 20.000. Genau kann ich es nicht sagen.
Für die Datensicherung habe ich mir eine weitere Festplatte in den Rechner gesteckt, damit ich ständig Zugriff habe. Dort sind nur Fotos drauf, aber nicht gespiegelt. Dann habe ich noch USB-Festplatten zur Sicherung. Ich habe keinen Netzwerkspeicher, kein RAID. Mir ist es noch nie passiert, dass im Computer die Festplatte plötzlich einen Totalausfall hat. Fehler kündigen sich hier an, z.B. indem einzelne Sektoren ausfallen, was aber in der Regel keinen Datenverlust mit sich bringt. Aber bei den externen Festplatten kann das durchaus eher passieren, da sie – wenn z.B. die Bilder von 2012 bis 2014 drauf sind – mehr liegen als benutzt werden.
Und selbst, wenn der Computer kaputt geht, kann man die Daten noch retten. Oftmals sind dabei nur das Inhaltsverzeichnis oder Teile der Festplatte kaputt. Dafür gibt es genügend Rettungs-Software, um die Bilder zu retten. Und da ich ja eine zweite Festplatte im Rechner habe, kann das System abschmieren oder was auch immer … und wenn ich mir einen neuen Computer kaufe, dann stecke ich sie einfach um. Da habe ich noch nie Probleme gehabt.

Erachtest Du das Brennen als sinnvolle Sicherungsmöglichkeit?

Nein. Da es bei DVD`s keine Langzeiterfahrung gibt: Wie lange halten die DVD`s und gibt es in ein paar Jahren überhaupt noch die Möglichkeit, sie auszulesen? Das ist alles zu unsicher. Die Festplatte ist in meinen Augen das Sicherste.

Vielen Dank für Deine ausführlichen Antworten.
Nun habe ich nur noch eine Bitte: Ich habe hier einen alten Räuchermann von mir mitgebracht, und ich bitte Dich, ein Foto davon zu machen. Wie Du ihn stellst oder welche Einstellung Du an der Kleinbildkamera nutzt, ist Dir überlassen.

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